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Reinhart Koselleck: Kritik und Krise.
Eine Studie zur Pathogenese der bürgerlichen Welt
(Freiburg: Karl Alber Verlag, 1959 /
zitiert wird die Taschenbuchausgabe: Frankfurt: Suhrkamp, 1973)

Kommentierte Lektürehilfe
von M. M. Hof

Zur Einführung
Reinhart Koselleck (1923-2006) gehörte zu den prominentesten Historikern der Nachkriegszeit. Dies ist vor dem Hintergrund seines hier zu besprechenden Erstlingswerks nicht selbstverständlich, da diese Dissertation dermaßen die Gedankengänge des verfemten Carl Schmitt (s. hier) aufnahm, dass Habermas als Inquisitor des Fortschrittsglaubens seinerzeit hämisch konstatierte, die Arbeit habe immerhin den Vorteil, dass man so erfahre, wie Carl Schmitt die Lage beurteile. Tatsächlich war Koselleck über Nicolaus Sombart in den Kreis um Carl Schmitt geraten, der wegen seiner Verstrickung in die NS-Diktatur aus allen öffentlichen Ämtern entfernt gleichsam inoffiziell einen Kreis Schüler um sich scharte, der seine Ideen von ‚Weltbürgerkrieg‘ und ‚Staat‘ aufnahm und in einer Reihe von wissenschaftlichen Arbeiten sozusagen am offiziösen Wissenschaftsbetrieb vorbei in den Diskurs einspeiste. Neben Hanno Kestings „Weltbürgerkrieg und Geschichtsphilosophie“, einem Überblick von der Französischen Revolution bis zu den 1950er Jahren, ist dabei v.a. Kosellecks hier zu besprechende Dissertation zu nennen, die die Genese der Aufklärung dekuvriert und zeigt, dass scheinbar humanistisch-universelle Theoreme letztlich Kampfbegriffe einer Elite zur Unterhöhlung und Okkupation des (absolutistischen) Staates sind. Koselleck scheint im Folgenden klug genug gewesen zu sein, diese Richtung nicht konsequent offen weiterzugehen, sondern sich größtenteils auf die Begriffsgeschichte zu konzentrieren, die es ihm ermöglichte, einerseits zwar die Geschichtlichkeit scheinbar überzeitlich gültiger Begrifflichkeiten aufzudecken, andererseits aber weiterhin ein Teil des zugelassenen Diskurses zu bleiben. Dem Frontalangriff auf die säkulare Religion der Aufklärer in seiner Dissertation folgte ein eher ruhiges Forscherleben als geschätzter Kollege und Teil des aufgeklärten Wissenschaftsbetriebs.

Absolutismus
Ganz nach Carl Schmitt (u.a. Ders.: Der Nomos der Erde im Völkerrecht des Jus Publicum Europaeum. Köln 1950) interpretiert Koselleck den absolutistischen Staat als zeitgenössische Reaktion auf das Jahrhundert der Bürgerkriege. Demzufolge beginnt der „Staat“ als Überwindung des Bürgerkriegs und endet mit dem erneuten Durchbruch des Bürgerkriegs.
Seine Ausgangsposition war der religiöse Bürgerkrieg. (…) Ein anderer Bürgerkrieg bereitete dem absolutistischen Staat sein jähes Ende; die Französische Revolution. (11)
Indem der Fürstenstaat die religiösen Leidenschaften seiner Untertanen sedierte und eben diese Untertanen in der Unterordnung unter den Fürsten nivellierte, entwickelten sich aus den personal-ständischen Beziehungsverhältnissen die modernen staatlichen. Indem der Fürst seinen ständischen Machtbereich ausweitete und die konkurrierenden ausschaltete – hierhin gehört der berühmte Ausspruch von König Friedrich Wilhelm I. „Ich ruiniere die Junkers ihre Autorität“ –, wurde also die Staatlichkeit als räumliche, rechtliche und nicht zuletzt ideelle Basis erst geschaffen, auf der im Folgenden die ‚bürgerliche Emanzipation‘ würde stattfinden können. Zunächst aber sorgte diese Absolutierung der Verantwortlichkeiten beim Fürsten für eine Stillstellung der innenpolitischen Fragen, für eine Entmoralisierung und eine Entlastung der Untertanen von moralisch-religiösen Letztentscheidungen. Moral wurde nun Privatsache.
Nur wenn alle Untertanen in gleicher Weise dem Herrscher unterworfen sind, kann dieser die Verantwortung für Frieden und Ordnung allein übernehmen. (14)
Die Ausklammerung der „Moral“ aus der Politik richtete sich nicht gegen eine weltliche Moral, sondern gegen eine religiöse mit politischem Anspruch. (17)
Dies lässt sich auch daran ablesen, dass das 17. Jahrhundert das Zeitalter der Religionskriege (oder zumindest der religiös verbrämten Kriege) war, während das 18. Jahrhundert als Zeitalter der Kabinettskriege bezeichnet werden kann. Religiöse Begründungen für Kriege waren nicht mehr nötig, ja sie waren sogar aus der Mode und wirkten lächerlich. Kriege führte man jetzt nur noch aus ‚Staatsräson‘.
Paradigmatisch für die Genese der modernen Staatstheorie aus der Situation der religiösen Bürgerkriege ist Hobbes (…) (17)

Thomas Hobbes
Indem Hobbes den Krieg als den Naturzustand des Menschen konstatiert, zieht er die Konsequenz aus der Bürgerkriegserfahrung seines Zeitalters. Die Konstruktion des „Leviathan“ ist dann auch nur in diesem Zusammenhang zu verstehen und dient der Versammlung und Versöhnung der Parteien unter einem Souverän. Dazu wird der jeweilige Anspruch des Gewissens, der Moral, der Religion etc. diesem Souverän untergeordnet, der – ganz technizistisch auf seine Funktion reduziert – seine Rechtfertigung daraus zieht, dass er dem Einzelnen Schutz gewährt.
Die Vernunft schafft damit einen neutralen Raum der Staatstechnik, in dem des Fürsten Wille einziges Gesetz ist. (25)
Die Vernunft, die sich aus den Wirren des religiösen Bürgerkrieges erhebt, verbleibt zunächst im Bann dieses Krieges und begründet (Anm.: gewissermaßen zu dessen Abwehr) den Staat. So ist es zu verstehen, daß Hobbes nicht gesehen hat, daß die Vernunft sich aufklärerisch emanzipieren kann. Hobbes weiß nicht um das Eigengefälle der Vernunft. (26)
Zunächst also gebietet es die Vernunft, dass sich der Einzelne dem Herrscher als ‚Staatsbürger‘ unterordnet. Dies gewährt in der Gleichstellung der Staatsbürger unter dem Souverän Ruhe und Ordnung, führt aber auch zur Spaltung des Individuums in den moralischen Menschen und den un-moralischen Staatsbürger. Als Privatmann darf der Mensch moralisch sein, als Staatsbürger muss er gehorchen. Dies ist der Preis für die Beendigung des Bürgerkriegs.
Der Staat wurde nicht zum Raum politischer Unmoral, sondern moralischer Neutralität. Als moralisch neutraler Raum ist er ein echter Entlastungsraum. (30)
Die damit einhergehende, o.g. Spaltung des Individuums ist aber genau der „spezifische Einsatzpunkt der Aufklärung“ (Koselleck, Kritik und Krise, S. 30). Indem die Moral von der Politik geschieden wird, verweltlicht sie. Indem sie privatisiert wird, wird sie zum Geheimnis, zum Antagonisten des Öffentlichen, zum Antagonisten des Staates. Aus der Privatheit des moralisierenden Bürgers, der die Funktion des absolutistischen Leviathans, die Funktion der Trennung von Moral und Politik ‚vergessen‘ hat, wird die Moral wieder universelle Ansprüche erheben – als verweltlichte Religion, als Vernunftreligion –, in deren Zeichen sie den Staat erobern wird.
Das Moralische, das danach trachtet, politisch zu werden, wird das große Thema des achtzehnten Jahrhunderts sein. (31)
Die Universalität der aufgeklärten Morallehren überstieg alle Grenzen, die die Politik sorgsam gezogen hatte. (32)
Es ist allein der o.g. ‚Entlastungsraum‘, die Stillstellung der innenpolitischen Leidenschaften unter der souveränen Allmacht des Fürsten, der dies ermöglicht. Man kann somit von einem Luxus der Freiheit sprechen, der geschichtlich sekundär ist zur Einheit, die die Freiheit selbst nicht schaffen kann. Nicht Parlamente, keine ständischen und schon gar keine demokratischen, haben die Einheit hergestellt und den Bürgerkrieg beendet, sondern der absolutistische Souverän.

John Locke
Der Aufbruch der bürgerlichen Existenz erfolgt aus dem privaten Innenraum, auf den der Staat seine Untertanen beschränkt hatte. (41)
Ist Hobbes’ politische Philosophie nur aus dem englischen Bürgerkrieg der 1640er Jahre verständlich, so die charakteristische Verschiebung der Kompetenzen, die John Locke vornimmt, aus den Ereignissen rund um die sog. ‚Glorreiche Revolution‘ von 1688. Diese beendete die latent krypto-katholische Stuart-Restauration, die nach Bürgerkrieg und Cromwell-Protektorat die Monarchie neben und mit dem Parlament wiederhergestellt hatte, zugunsten des protestantischen Schwiegersohns des Königs, Wilhelm III. von Oranien. Unter diesem wurde der Primat des Parlaments endgültig, der von nun an die englische Geschichte bestimmen sollte, so dass man sagen kann, dass „die Verschiebung der Souveränität auf das Parlament das eigentliche revolutionäre Ereignis“ dieser Zeit darstellte (Kurt Kluxen: Geschichte Englands. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. 3. Aufl. Stuttgart 1985, S. 369). In diesem Zusammenhang darf man John Locke, von Wilhelm von Oranien (wieder) in Amt und Würden gebracht, als Propagandisten dieser neuen Ordnung sehen – was im Übrigen erneut auf den politischen Ursprung der dezidiert unpolitisch-moralisch argumentierenden Emanzipationsphilosophie verweist. Locke wertet nun das moralische Urteil des Einzelnen ganz entschieden auf, indem er es zum Richter über die Mitwelt erklärt. Dieser Richterspruch generiert sich im gemeinsamen Aushandeln dessen, was gut und schlecht ist: „and by this approbation and dislike they establish amongst themselves what they will call virtue and vice“ (John Locke: An Essay Concerning Human Understanding. 27th Edition with the Author’s Last Additions and Corrections. London 1836, S. 252). Hier entsteht die ’society‘ des modernen Bürgertums. Aus dem privaten Innenraum des Bürgers also, auf den sie durch den Staats-Leviathan zur Stillstellung des Bürgerkriegs beschränkt worden war, erhebt sich die Moral erneut mit dem Anspruch, universeller Richter zu sein, und bezieht dabei ihre ‚Legitimität‘ gerade dadurch, dass sie von der Politik ausgeschlossen war.
Locke hat durch seine Interpretation des philosophischen Gesetzes den von Hobbes einer staatlichen Politik untergeordneten Innenraum des menschlichen Gewissens politisch aufgeladen. (45)
In der Zusammenschaltung der bürgerlichen Einzelgewissen entsteht so eine Gegenöffentlichkeit, die dem politischen Staat in ihrer moralischen Argumentation aber gerade dort überlegen ist, wo sie selbst nicht handeln muss, so in den absolutistischen Ordnungen des Kontinents, v.a. in Frankreich, wo die Übertragung der Locke’schen Philosophie zu einer geheimen moralischen Gesellschaft führt, die dem politischen und damit unmoralischen Staat den Prozess macht. Hier organisiert sich die ‚moralische Öffentlichkeit‘ nicht im Parlament – wie in England –, sondern in den geheimen Gesellschaften der Logen und Bünde.

‚Öffentlichkeit‘: Logen und Gesellschaften
Die philosophischen Gesellschaften (République des lettres) und die Freimaurerlogen können in ihrer strukturellen Verwandtschaft als die „spezifische Antwort auf das System des Absolutismus“ (Koselleck, Kritik und Krise, S. 49) angesehen werden, wie sie sich insbesondere im spätabsolutistischen Frankreich herausgebildet hat, hier v.a. aus einer Kombination von ehemals frondierendem, dann unter Ludwig XIV. domestiziertem und im ausklingenden ancien régime wieder selbstbewusster werdendem Adel, aufstrebendem Finanz- und Handelsbürgertum und nicht zuletzt hugenottischen Exilanten, die v.a. in England mit dem Freimaurergeist in Berührung kamen und diesen nach Frankreich vermittelten. In der Philosophie der Aufklärung fand sich das Amalgam, das diese Interessen zusammenband.
Auf Grund dieser Gemeinsamkeiten bildete sich eine für den absolutistischen Staat außerstaatliche Interessensphäre heraus, die der Gesellschaft, der société, in der die verschiedenen Gruppen ihren eigenständigen Platz sahen. (52)
Die Freimaurerlogen bildeten dabei den natürlichen Nukleus dieser geheimen Gegengesellschaft.
Doch während in England die königliche Kunst (Anm.: d.i. die Freimaurerei) bald eine enge Liäson mit der georgianischen Politik einging und auch auf dem Festland in ihren Dienst trat, blieb innerhalb der absolutistischen Staaten die in der Verfassung ausgesprochene Trennung von Moral und Politik in aller Schärfe bestehen. (59)
Im Absolutismus, der anders als die parlamentarische Oligarchie Englands der Elite der aufklärerischen Emanzipation keine Anschlussstellen und Aufstiegsmöglichkeiten bieten kann, wächst so die société als Gegengesellschaft heran, die gerade dadurch, dass sie sich unpolitisch gibt, eminent politisch wirkt. Aus der Nobilitierung der Vernunft, die behauptet, mit ihrer uneingeschränkten Herrschaft die (schmutzige, unmoralische Kabinetts-)Politik gleich ganz ersetzen zu können, erwächst ihr ein moralisch-universeller Vorteil, den der Staat niemals einholen kann. In den Augen der Aufklärung ist der Herrschende immer schuldig.
Vom Boden der Logen aus wird bewußt neben die geltende politische Ordnung ein völlig neues Wertesystem gestellt. (67)
Die Moral ist der präsumptive Souverän. (68)
Das Fernziel der Maurer besteht darin (…), die Staaten soweit wie möglich zu erübrigen. (…) Die tugendhaft vollendete bürgerliche Gesellschaft, die sie als Brüder bereits selbst verkörpern, ist für sie der Endzweck der Natur. (71)
Die aufstrebende Gesellschaft verwickelt den herrschenden Staat in einen dualistischen Prozeß, indem sie sich von ihm distanziert, ihn scheinbar neutral kritisiert, als moralischer Richter verurteilt und als geheimer Exekutor zugleich das Urteil zu vollstrecken sucht. (80)
Diese moralische Aufladung findet sich auch in der Kunst dieser Zeit, die mit aufklärerischem Furor die Bühne zum Gericht macht (Lessing, Schiller) und die Politik dem moralischen Urteil unterwirft. Die zur Beendigung des Bürgerkriegs vollzogene Trennung von Moral und Politik wird nun – nachdem der Bürgerkrieg vergessen ist oder zumindest keine Relevanz mehr besitzt – als moralischer Vorwurf auf den Staat zurückgeworfen, der vor dieser Kritik also per definitionem keinen Bestand haben kann. Dabei ist eine sukzessive Ausweitung der ‚Kritik‘ – bekanntlich der Lieblingsterminus des aufklärerischen Jahrhunderts – und ihrer Zuständigkeitsbereiche zu beobachten, die mit Pierre Bayle (1647-1706) beginnt, universellen Anspruch zu erheben.
Indem Bayle mit der kritischen Methode bereits alle Gebiete des menschlichen Wissens und der menschlichen Geschichte erfaßte und in einen unendlichen Prozeß der Relativierung verwickelte, wurde die Kritik zur eigentlichen Tätigkeit der Vernunft. (…) Ist die Kritik der scheinbare Ruhepunkt des menschlichen Denkens, dann gerät das Denken in eine rastlose Flucht der Bewegung. (89)
„La raison humaine (…) est un principe de destruction“, heißt es dann auch bei Bayle (zitiert nach Koselleck, Kritik und Krise, S. 201), der freilich noch um die Gefahren dieses Prozesses gewusst zu haben scheint; eine Selbstbegrenzung, die nachfolgend verlorenging. Der kritische Prozess beruht dabei einerseits auf der Vergangenheit, d.h. auf dem Gegebenem, das es zu kritisieren gilt, und findet andererseits seine Bestätigung in der Zukunft, die dereinst diesen Prozess im eschatologisch begründeten Stadium der vollen Wahrheit abschließen wird.
Der Prozeß des Fortschritts erfaßt den Staat. (96)
Die Aufklärung baut alle Tabus ab, indem sie die Privilegien zerstört. Dadurch wird alles und jedes in den Strudel der Öffentlichkeit gezogen. (…) Aber diese Öffentlichkeit ist dialektisch, d.h. im Maße, als alles öffentlich wird, wird alles ideologisch verfremdet. (97)
Gleichzeitig aber richtet der Aufklärer nach den Prinzipien einer moralischen Innerlichkeit, vor der dann das Politische, das Öffentliche nicht bestehen kann.
In der Perspektive des politischen Privatiers verwandelt sich Macht in Gewalt. (…) Die Kritik listet der geschichtlichen Figur ihre Bedeutung ab. So wird der seinem Element, nämlich dem Politischen, entfremdete König zu einem Menschen, und als solcher ist er ein Gewalttäter, ein Tyrann. (99)

Geschichtsphilosophie und Krise
Die Geschichtsphilosophie liefert dem elitären Bewußtsein der Aufklärer seine Evidenz. (108)
Hier zeigt sich die „christliche Eschatologie in ihrer abgewandelten Form als säkularer Fortschritt“ (Koselleck, Kritik und Krise, S. 108), der das Skandalon des Dualismus von Moral und Politik aufhebt in der reinen Herrschaft der Vernunft. Auf dem Weg dorthin – wobei das Ziel als Legitimation des Weges dient – beanspruchen die Freimaurer die Rolle der politischen Avantgarde, der Führerschaft.
Der Maurerorden ist es nunmehr, der dafür sorgt, daß die Harmonie des Weltalls auf dieser Erde auch wirklich herrscht. (109)
Dieses Endziel ist dezidiert staatsfeindlich, da es den Staat mit dem Staat des Absolutismus identifiziert, der der Herrschaft der Moral, d.h. der Herrschaft der moralischen Elite im Wege steht.
Oben und Unten, Innen und Außen hören auf, geschichtliche Phänomene zu sein, denn mit der allmählichen Entfaltung der Moral entfällt alle Herrschaft und damit auch der Staat. (110)
Dialektisch diese Dialektik überholend wird die marxistische Geschichtsphilosophie diesen Anspruch schließlich gegen die aufklärerische Elite selbst wenden, die dergestalt von diesem von ihr selbst ausgelösten Emanzipationsprozess eingeholt wird.
Der moralische Innenraum, der sich zunächst aus dem Staat ausgespart hatte, erklärt jetzt den Staat zu seiner Hülle, die er abzustreifen gedenkt. (111)
Das politische Geheimnis der Aufklärung bestand darin, daß alle ihre Begriffe, der indirekten Gewaltnahme analog, nur unsichtbar politisch waren. (123)
Mit Rousseau („Contrat social“) erklärt sich dann die société, die elitäre Minderheit der selbsternannten Avantgarde, zum eigentlichen Souverän, die ihre Regeln zu den Regeln aller macht.
Die République des lettres, in der jeder über jeden Souverän ist, okkupiert den Staat. Seitdem beginnt die Gesellschaft gegen sich selbst zu prozessieren auf der Jagd nach einem unerfüllbaren Soll. (135)
Ohne es zu ahnen, hat Rousseau die permanente Revolution auf der Suche nach dem wahren Staat entfesselt. Was er suchte, war die Einheit von Moral und Politik, und was er fand, war der totale Staat, das heißt die permanente Revolution im Gewande der Legalität. (…) Der eine und bedingungslose Wille, auf den die souveräne Entscheidung des absoluten Herren zurückgeführt wurde, wird von Rousseau der Gesellschaft vindiziert. Das Ergebnis ist die Volonté générale, der absolute Gemeinwille, der sich selbst das Gesetz gibt. (136)
Damit aber werden alle für alle verantwortlich sowie jeder Einzelne vor dem Richterstuhl des Gemeinwillens, denn:
Die Individuen können irren, die Volonté générale nie. Die rationale Totalität des Kollektivs und ihrer Volonté générale erzwingt daher eine ständige Korrektur der Wirklichkeit: der lebenden Individuen nämlich, die in das Kollektiv noch nicht aufgegangen sind. (137)
Ist so der Fürst durch den Gemeinwillen ersetzt worden, muss auch die Einheit dieses gemeinsamen Wollens garantiert und, wenn nötig, die Gleichschaltung der Individuen erzwungen werden.
Ihr Weg ist der Terror und ihre Weise die Ideologie. (138)
Der Bürgerkrieg hat seine Schrecken verloren; er rechtfertigt nicht mehr, dass die bürgerliche Elite keinen Zugang zur Macht erhält. In seiner selbstgesetzten moralischen Überlegenheit erwartet der Bürger den Umsturz vielmehr als moralisches Gericht. Im Namen der Moral und der Vernunft wird daraufhin das Paradies der Herrschaft der Vernunft, d.h. der Herrschaft der Vernünftigen anbrechen. Dass dieser emanzipatorische Prozess tendenziell unabschließbar ist, dass neue Generationen von ‚Aufgeklärten‘ mit dem gleichen Argumentationsmuster diesen latenten Bürgerkrieg werden weitertreiben können, liegt außerhalb seiner Wahrnehmungsmöglichkeiten.
Krise und Geschichtsphilosophie erweisen sich damit als eine gegenseitig sich ergänzende, innerlich zusammenhängende Erscheinung. Ihr Zusammenhang gründet in dem kritischen Prozeß, den das Bürgertum gegen den Staat angestrengt hatte. Aus der Kritik entspringt die Geschichtsphilosophie, die Kritik ist der Vorbote der Krise. (154)
Der im absolutistischen Staat zum Zwecke der Beendigung des Bürgerkriegs sedierte Untertan, der privatisierte Mensch, schließt sich als Privatier mit anderen zusammen. In der Moral, die der Staat säuberlich von der Politik geschieden und damit indirekt dem Individuum überlassen hatte, findet diese bürgerliche Gesellschaft ihr Ausschließlichkeitsmerkmal, ihr Merkmal der Auserwähltheit. Dieses wendet sie gegen den unmoralischen Staat, der vor ihrem Richterstuhl immer schon schuldig war, ist und sein wird. Die Elite der Vernünftigen gründet ihren universellen Geltungsanspruch dabei nicht zuletzt auf einer Universalisierung ihrer Maßstäbe, denn von Anfang geht es der aufgeklärten Gesellschaft, einer Minderheit im Promillebereich, um nichts weniger als um ‚die Menschheit‘, in deren Namen sie selbstbewusst zu handeln trachtet.
Die Geschichte wird von ihrer Faktizität entblößt, um die bürgerliche Moral ins Recht zu setzen. (155)
Sie usurpiert die Macht mit dem schlechten Gewissen eines Moralisten, daß es der Sinn der Geschichte sei, die Macht überhaupt überflüssig zu machen. (…) (D)ie Moralisierung der Politik war um so mehr eine Entfesselung des Bürgerkriegs, als in dem Umsturz, in der „Revolution“, gerade kein Bürgerkrieg erblickt wurde, sondern eben die Erfüllung moralischer Postulate. (156)
Die politische Anonymität der Aufklärung erfüllt sich in der Herrschaft der Utopie. Die Fragwürdigkeit und Offenheit aller geschichtlich noch zukünftigen Entscheidungen scheinen seitdem beseitigt, oder sie treten zutage in dem schlechten Gewissen derer, die ihnen ausgesetzt sind. Denn das indirekte Verhältnis zur Politik: die Utopie, die seit der geheimen Frontbildung der Gesellschaft gegen den absoluten Souverän dialektisch zum Vorschein kam, verwandelte sich in den Händen des neuzeitlichen Menschen in einen politisch ungedeckten Wechsel auf die Zukunft. Der Wechsel wurde eingefordert erstmals in der Französischen Revolution. (157)
Indem die Aufklärung ihre geschichtlich-zeitliche und geschichtlich-räumliche Gebundenheit negiert, ja diese zum Zweck der Machtgewinnung und -erhaltung verschleiert, wird sie zur Ideologie. Statt politisch zu handeln, verabsolutiert sie ihre moralische Argumentation. Dies ist das Einfallstor des Bürgerkriegs, des Terrors und der Verfolgung. Oder, wie es Koselleck 1973 resümierend – und den Band vorsichtig in die inzwischen deutlich verengte Diskurslandschaft der BRD einordend – im Vorwort zur Taschenbuchausgabe formuliert:
Die Dialektik der Aufklärung entspringt – mit anderen Worten – nicht nur ihr selbst (Anm.: Dies ist die einseitige Erklärung, wie sie die kritischen Aufklärer der Aufklärung bieten, die noch blind, aber gewissermaßen ideologisch abgesichert im Rahmen des emanzipatorischen Zirkels verbleiben.), sondern mehr noch der geschichtlichen Situation, in der sie sich entfaltet. Jede Aufklärung gerät früher oder später in Konfliktlagen, die rational aufzuschlüsseln eine Umsetzung der bloßen Kritik in politische Verhaltensweisen erfordert. (X)
Wo aus dem (politischen) Gegner der (moralische) Feind wird, herrscht die instrumentelle Aufklärung in ihrer dialektischen Blindheit.

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